Vom Text zur Zeremonie

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Der aufwändigste Teil der Arbeit als freie Traurednerin ist das Texten. Zunächst verbringe ich recht viel Zeit mit dem Paar, ich lasse sie reden, ich höre zu und ich mache mir Notizen. Dabei ist natürlich jedes Paar anders und jede Zeremonie wird eine ganz andere sein. Auch wenn die meisten Paare einen klassischen Ablauf bevorzugen und es bei 90% eine Überschneidung in den einzelnen Abschnitten gibt, so legt doch jedes Paar sein Hauptaugenmerk auf andere Details – und wünscht sich auch andere Dinge.

Ein Paar will es kurz und knackig. Ein anderes möchte gerne seine eigene Liebesgeschichte mit der Familie und den Freunden teilen. Anderen ist der Part mit dem Trauspruch wichtiger. Einige legen großen Wert auf ihr Eheversprechen – andere erstarren schon vor Angst, wenn sie nur daran denken, dass sie an ihrem Hochzeitstag ein leises „Ja“ über die Lippen bekommen sollten. Und mal abgesehen von den Wünschen, wie die perfekte Trauung für jeden Einzelnen aussieht: Jede Liebe ist einzigartig, jede Beziehung ein Unikat – und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, diese Individualität zu Papier zu bringen.

Aber wie funktioniert das am besten? Mir hilft es immer, mich erst einmal auf das Paar zu konzentrieren: Bei einem unverbindlichen Kennenlerngespräch beschnuppert man sich, man schaut, ob man ähnliche Vorstellungen hat und ob man sich sympathisch ist. Ich würde niemals ein Paar trauen, das mir nicht sympathisch ist. Und ich würde auch keine Zeremonie für ein Paar planen wollen, bei dem ich mir nicht sicher bin, dass diese Ehe funktionieren kann. Berufsethos :-)

In diesem Job kommt man den Menschen sehr nahe – das geht nicht, ohne auch einen Teil von sich zu geben. Ich finde, dann darf man ruhig ein wenig wählerisch sein.

Wenn wir uns dann füreinander entschieden haben (das Paar für mich und ich mich für das Paar), dann kann es losgehen. Das erste offizielle Treffen dient vor allem dazu, die Geschichte des Paares festzuhalten: Wie haben sie sich kennengelernt, warum haben sie sich ineinander verliebt, welche Höhen und Tiefen haben sie erlebt und – ganz wichtig – welche lustigen Anekdoten gibt es zu erzählen? Je detailreicher die Liebesgeschichte erzählt wird und je mehr die Leute schmunzeln können, desto liebevoller wird die ganze Zeremonie. Wichtig ist auch immer zu klären: Was davon ist offiziell, was nicht? Die Mama hört ungern, dass ihr Traumschwiegersohn erst ein paar Monate brauchte, bis er sich ganz für ihre Tochter entschieden hat. Tante Leonore muss auch nicht unbedingt wissen, dass das Hochzeitspaar zwischendurch 3mal getrennt war. Es geht hier nicht um die absolute Wahrheit, sondern um die Beziehung, wie die beiden Liebenden sie sehen. Natürlich wird dabei nichts dazu erfunden, aber ein bisschen geschönt werden darf jede Geschichte :-)

Nach einem solchen Treffen habe ich meist jede Menge Papier. 10 Seiten sind in der Regel Minimum. 8 bis 9 Seiten sind dabei vollgeschrieben mit Details zur Geschichte des Paares und auf einer Seite sprechen wir über die anderen Dinge. Gibt es schon einen Trauspruch? Wisst Ihr schon, welche Lieder gespielt werden sollen? Welche Rituale wollen wir einbauen? Wie läuft der Einzug des Paares? usw.

All diese Sachen nehmen meist weniger Zeit in Anspruch – auch weil sie nicht mehr gefiltert werden müssen. Die Herausforderung ist es eigentlich, aus dem Leben eine Geschichte zu machen, die sich flüssig liest und die einen roten Faden hat. Meistens gibt es schon einen roten Faden – aber den sieht man nicht, wenn man mitten drin ist. Meine Aufgabe ist es also vor allem, diesen Faden zu heben und ihn mit den vielen liebevollen Details und kleinen Anekdoten des Paares zu verweben.