Kultureller Tellerrand: Was macht eine jüdische Trauung aus?

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Welchen Stellenwert nimmt die Trauung in der jüdischen Tradition ein?

In der jüdischen Tradition ist die Trauung das höchste Fest im Leben eines Menschen. Dabei werden zwei Seelen miteinander verbunden, die bei der Geburt getrennt wurden und sich freudig wiedervereinen. In der jüdischen Tradition spielen Dualismen eine große Rolle: So hat die Trauung eine rechtliche und eine spirituelle Seite (Körper und Seele der Hochzeit), es soll eine ernste Wertschätzung durch die Zeremonie ausgedrückt werden, die wiederum eine ungezügelte Freude auslöst, welche in die Hochzeitsfeier mündet.

Seit dem 13. Jahrhundert gehen Juden davon aus, dass durch die Eheschließung die Gotteskräfte in jedem von uns geeinigt werden – ein eheloser Mensch ist unvollkommen: „Jeder, der ohne Frau ist, lebt ohne Freude, ohne Glück und ohne Seligkeit.“ Es handelt sich um einen Neubeginn, den Anfang einer Reise. Im jüdischen Glauben heißt es, die bis dahin begangene Sünden werden vergeben. Eine Hochzeit ist bildlich die Wiederinkraftsetzung des Bündnisses, das am Berg Sinai geschlossen wurde – der Hochzeitstag ist ein persönlicher Jom Kippur, der heiligste Tag im Leben. An diesem Tag ist die Braut eine Königin und der Bräutigam ein König. Man geht von der „Sch‘china“, der göttlichen Gegenwart während der Trauung aus; so sind auch alle bereits verstorbenen Verwandten anwesend.

Wie läuft eine jüdische Trauung ab?

Die jüdische Trauung beginnt mit dem Erussin, der Angelobung. Dabei wird ein Becher Wein gesegnet und das Brautpaar trinkt einen ersten Schluck aus dem Becher. Der nun folgende Rechtsakt der Trauung muss von zwei männlichen, mit dem Brautpaar nicht verwandten Zeugen überwacht werden. Anschließend streift der Mann seiner Braut einen Ring über den rechten Zeigefinger mit dem Satz: „Durch diesen Ring bist du mir angelobt nach dem Gesetz Moses und Israel.“

Der Ehevertrag (Ketubba) wird nun öffentlich vorgelesen – hier steht vor allem das Versprechen des Bräutigams, seine Braut zu versorgen, zu kleiden, zu ernähren, zu ehren und ihre sexuellen Bedürfnisse zu befrieden, im Vordergrund. Jetzt ist die Verlobung („Kidduschin“) abgeschlossen.

Die eigentliche Eheschließung („Nissun“) beginnt mit der Lesung der sieben Hochzeitssegensprüchen (Schewa Brachot). Danach trinkt das Paar gemeinsam aus dem Weinbecher, bevor der frisch gebackene Ehemann den Becher (das Glas) zerbricht. Dieser Akt erinnert an die Zerstörung des Tempels in Israel und mahnt dazu, auch in heiteren Momenten nüchterne Gedanken zu pflegen. Mit einem fröhlichen Masel tow (bei den Aschkenasen) oder Siman tow (bei den Sephardim) wird das Ehepaar nun beglückwünscht.

Welche Traditionen gibt es? (gesammelte Infos)

Traditionell fastet das Brautpaar, das sich bis zu einer Woche nicht gesehen hat (um die Sehnsucht zu steigern), am Tag der Trauung, um sich auf die Bedürfnisse der Seele zu konzentrieren. Das Trinken aus dem Weinbecher unter der Chuppa beendet das Fasten. Da dem Brautpaar alle bis dahin begangenen Sünden vergeben werden, tragen Braut und Bräutigam makellos weiße Kleidung.

Vor der Trauung halten Braut und Bräutigam einen getrennten Empfang ab, den Kabbalat Panim. Vor Beginn der Zeremonie wird die Braut durch den Bräutigam, der sie mit seinem Gefolge abholt, verschleiert. Damit drückt er aus, dass er sie nicht nur wegen ihrer äußerlichen Schönheit heiratet, sondern wegen ihrer inneren Schönheit, die nicht vergeht.

Sowohl Braut („kala“) als auch Bräutigam („chatan“) werden von den Eltern, die eine Kerze tragen, zum Altar gebracht. Auch Großeltern gehören teilweise mit zur „royalen Eskorte“.

Chuppa bedeutet „mit Girlanden schmücken“. Traditionell werden deshalb Stoffe aus Seide, Satin oder Samt verwendet. Sie ist dabei nach vier Seiten offen, als Symbol jederzeit Gäste im eigenen Heim zu empfangen. Des Weiteren finden jüdische Trauungen unter freiem Himmel statt, um die Bereitschaft zu signalisieren, sich von himmlischen Idealen führen zu lassen.

In der aschkenasischen Tradition zirkelt die Braut nach Ankommen unter der Chuppa sieben Mal um den Bräutigam, um eine unsichtbare Mauer um die beiden zu ziehen, die sich jetzt vereinen wollen.

Da die jüdische Trauung sowohl eine rechtliche Komponente beinhaltet (die heute i.d.R. die standesamtliche Trauung übernimmt) als auch eine religiöse/spirituelle/ kulturelle Funktion erfüllt, ist die Zeremonie in zwei Teile – Verlobung und Eheschließung – aufgeteilt. Der Heiratsvertrag, die Ketubba, verweist dabei auf die Tora, das Buch des Bundes.

Traditionell werden die sieben Segnungen von Freunden und Verwandten vorgetragen, die dafür mit unter der Chuppa stehen und den vorher gesegneten Becher mit Wein halten. Direkt im Anschluss trinkt das Brautpaar davon, was der Vereinigung der Seelen entspricht.

Nach der Trauung betritt das Brautpaar den „Jichud-Raum“, um dort einige Minuten ganz für sich zu haben – genau wie im Leben auch immer Zeit für Privates bleiben soll. Hier werden die gegenseitigen Geschenke einander überreicht und die Braut segnet ihren Mann mit den Worten: „Möge es dein Verdienst sein, ein langes Leben zu führen, und mit mir in Liebe von jetzt bis in alle Ewigkeit zusammenzubleiben. Möge ich den Verdienst haben, mit dir für immer zu bleiben.“

Im Jüdischen sagt man: „Wie gut, dass dir Gott keinen Engel, sondern einen richtigen Menschen mit Stimmungen und Unstimmigkeiten und Makeln zur Seite gestellt hat.“

Vorschläge für Rituale

Ihr habt jüdische Wurzeln oder fühlt Euch dieser Religion zugehörig? Es gibt einige Möglichkeiten, die jüdischen Traditionen in eine freie Trauung mit einfließen zu lassen – ohne gleich eine komplett jüdische Trauung abzuhalten.

Klassisch werden Die sieben Segnungen von einem Verwandten ausgesprochen. Eine typischen Übersetzung ins Deutsche konnte ich nicht finden, daher hier die englische Variante:

I „Blessed are You, LORD, our God, sovereign of the universe, who creates the fruit of the vine.“

II „Blessed are You, LORD, our God, sovereign of the universe, who created everything for His Glory.“

III „Blessed are You, LORD, our God, sovereign of the universe, who creates man.“
IV „Blessed are You, LORD, our God, sovereign of the universe, who creates man in your image*, fashioning perpetuated life. Blessed are You, LORD, creator of man.“

V „May the barren one exult and be glad as her children are joyfully gathered to her. Blessed are You, LORD, who gladden Zion with her Children.“

VI „Grant perfect joy to these loving companions, as you did your creations in the Garden of Eden. Blessed are You, LORD, who grants the joy of groom and bride.“

VII „Blessed are You, LORD, our God, sovereign of the universe, who created joy and gladness, groom and bride, mirth, song, delight and rejoicing, love and harmony and peace and companionship. Soon, LORD our God, may there ever be heard in the cities of Judah and in the streets of Jerusalem voices of joy and gladness, voices of groom and bride, the jubilant voices of those joined in marriage under the bridal canopy, the voices of young people feasting and singing. Blessed are You, LORD, who causes the groom to rejoice with his bride.“

Gut übernehmen könnte man die Eskorte: Beide werden von ihren Eltern zur Chuppa geführt.

Auch die Idee hinter der Ketubba, dem Ehevertrag, können wir gut mit einbetten. Bei einem Gespräch könnten wir gemeinsam eine Art „Vertrag“ ausarbeiten, der Eure Wünsche zum Ausdruck bringt – im Endeffekt eine Art ausformuliertes Eheversprechen. Anstelle eines Trauspruches könnte ich über den Inhalt der Ketubba sprechen.

Insgesamt ist eine Trauung in jüdischer Tradition eine sehr fröhliche Angelegenheit (im Gegensatz zur christlichen Interpretation von Ehe), die die ganze Familie mit einzuschließen versucht (da gibt es noch mehr Möglichkeiten, z.B. das Halten einer Ecke der Chuppa, wenn Ihr das wünscht).

Der Ablauf könnte dann wie folgt aussehen: Einzug des Paares – Begrüßung – Eure Liebesgeschichte – „Lesung der Ketubba“ – Traufrage – Ringtausch – sieben Segnungen – gemeinsames Trinken aus dem Becher & anschließendes Zertreten – Masel tow!